Am Zug

Täglich kommen 300.000 Menschen in den Berliner Hauptbahnhof. Der einzige separate Warteraum hat 29 Sitze. Meistens sind sie leer. Warum eigentlich?

Von Friederike Lübke

Warten auf den Zug - Foto: Friederike Lübke

Der Raum liegt am südlichen Ende des ersten Untergeschosses, unterhalb des Haupteingangs. Glaswände begrenzen ein rechteckiges Areal. Sie enden auf Kopfhöhe. Wenn es kalt ist, heizen zwei Wärmesäulen gegen den Durchzug. Da das Tageslicht nicht bis hierher dringt, ist dieser Teil des Bahnhofs mit Lampen ausgeleuchtet. Rechts liegt eine Drogerie, links der Supermarkt, dann kommen die Bänke. Dahinter führen die Treppen zum tiefsten Gleisbett. Gemessen am Lärmpegel der Geschäftsmeile ist es ruhig hier. Sicher auch, weil diese Wartezone leer ist.

„Warten hat heute eine andere Bedeutung“, sagt Thomas Hesse, der Leiter des Bahnhofsmanagments. Er verweist auf die schnellen Anschlussmöglichkeiten. Der Berliner Hauptbahnhof ist der größte Kreuzungsbahnhof Europas. Mehr als 1200 Züge passieren täglich.

Viele reisen, wenige sitzen

Wenn keiner mehr warten muss, warum dann die vielen Geschäfte? Sie rentieren sich, erklärt Thomas Hesse, weil viele Menschen gezielt zum Einkaufen in den Bahnhof kommen. Die Werbegemeinschaft der Berliner Bahnhöfe nutzt in ihrem jüngsten Heft das Wort „Einkaufsbahnhof“. Mit Zeitung und Brötchen ist es hier nicht getan. Theoretisch könnte ein nackter Mann in den Hauptbahnhof spazieren und sich von der Krawatte bis zum Lederschuh vollständig einkleiden.

Eine kurze Umfrage unter den wartenden Reisenden ergibt viel Positives für diese Gestaltung. „Beeindruckend“ und „modern“ seien die Ladenzeilen, sagen die Reisenden. Gisela Bednarz aus Osnabrück freut sich, dass sie überall Kaffee trinken kann, bevor sie weiterreist. Sie sitzt auf einer der Bänke, die in regelmäßigem Abstand vor den Geschäft stehen. Dort ist es voller.

800 Sitzgelegenheiten zählt die Bahn-Broschüre im gesamten Gebäude. Ob die DB-Lounge für die Reisenden der ersten Klasse und Bahn-Comfort-Kunden dazu zählt, steht nicht dabei. „Ich vermisse einen Aufenthaltsraum für Zweite-Klasse-Menschen“, sagt Regina Falk. Sie ist zu früh für ihren Zug nach Bingen und hat jetzt zweieinhalb Stunden Zeit. Die DB-Lounge im ersten Stock hat sie gefunden, den Warteraum im Untergeschoss nicht. Im Gegensatz zur Lounge ist er auf den Flächenplänen nicht verzeichnet.

Stadt in der Stadt

Das Bahnhofsgebäude aus Stahl und Glas gilt als Sehenswürdigkeit. Es gibt sogar Führungen und einen privaten Blog zum Gebäude. Deren Sprecherin Dunja Berndt verbringt oft  ihre gesamte Freizeit im Gebäude, kauft einen Kaffee, nutzt die Panoramaaufzüge, beobachtet die Besucherströme:  „Es ist wie ein Stadt aus einem Sciene-fiction-Film“, sagt sie.
Schilder leiten die Besucher durchs Gebäude. Toiletten, Reisecenter und Gebäckaufbewahrung liegen in der Mitte, zwischen beiden Eingängen. Das sogenannte Reiseinformationssystem am Bahnhof ist genau geregelt. Dazu zählen die Uhren und die Anzeigetafeln der Züge. Der Standort der Bänke gehört nicht dazu. Für Wartemöglichkeiten gibt es keine Richtlinien, erklärt Thomas Hesse. Weder intern, noch durch Einfluss von außen. Die Ausstattung eines Bahnhofs sei „unternehmerische Freiheit“, heißt es aus der Abteilung Verkehrsentwicklung und Verkehrsplanung des Berliner Senats.
An den Bahnsteigen im Untergeschoß hat Thomas Hesse erst vor kurzem zusätzliche Bänke anbringen lassen. Dort rasten jetzt Reisende die letzten Minuten vor der Abfahrt, viele mit Brötchen in der Hand und Tüten zu ihren Füßen.