Zelten für mehr Demokratie

Sie sind empört. Deswegen kampieren sie auf öffentlichen Plätzen. Alle sollen von ihrer Empörung erfahren und sich ihnen anschließen. Sie betrachten das Gesellschaftssystem als gescheitert und  fordern mehr politische Teilhabe. Sie rufen “Echte Demokratie jetzt!“ und „Es lebe die Revolution!“ Die Bewegung “Acampada Berlin” im Portrait.

Von Wolf-Hendrik Müllenberg

 

Acampada Berlin vor dem Brandenbuger Tor

Acampada Berlin vor dem Brandenburger Tor - Foto: Sebastian Dörfler

Jenny war mit Papi auf Shopping-Tour bevor sie versehentlich auf dieser Kundgebung landete. Die 19-Jährige steht im schwarzen Mini-Rock auf dem Alexanderplatz. Hier wird gerade gegen den Überwachungswahn in Deutschland protestiert. 5.000 Leute machen mit. Motto: „Freiheit statt Angst“. Jenny trägt eine prall gefüllte Einkaufstüte von Gina Tricot. Neben ihr steht ihr Vater, in jeder Hand hat er zwei weitere Tüten. Sie lauschen dem Beitrag einer Rednerin, die als „Willi Watte“ in Wattestäbchen-Kostüm auf der Bühne steht und die Polizei auffordert „ab sofort keine DNA-Proben von den Leuten zu nehmen“. Jenny möchte jetzt lieber nach Hause fahren – bis Ari sie aufhält.

Die 24-Jährige Ari hat Großes vor. Sie will Jenny von einer Idee überzeugen. Diese Idee geht so: Menschen besetzen den öffentlichen Raum und machen ihn zum Ort der Debatte.. Sie fordern: „Echte Demokratie Jetzt!“. Ari erzählt Jenny von Spanien, wo im Mai über 100.000 Menschen im ganzen Land vier Wochen gegen die wirtschaftliche und politische Krise auf die Straße gingen. Die spanische Jugend baute auf öffentlichen Plätzen Zeltlager und sang „Democracia real Ya“ Auch  in Berlin wurde inzwischen für echte Demokratie gezeltet. Und zwar auf dem Alexanderplatz, wo jeder den Protest sehen und hören kann.

Die Empörten

Es ist die Bewegung der „Empörten“, erfährt Jenny von Ari. Sie folgen der Protestschrift von Stéphane Hessel. Der 94-Jährige war aktives Mitglied der französischen Résistance. Sein Buch “Indignez-vous!” verkaufte sich in Frankreich fast zwei Millionen Mal. Darin wettert er gegen Ungleichheit, Finanzkapital und Fremdenhass. Er fordert die Jugend auf: Empört Euch!

Ari drückt Jenny einen Flyer in die Hand und zeigt auf die Muschelzelte neben ihr. Mit diesen Zelten kampierte sie mit den anderen Aktivisten von „Acampada Berlin“ eine Woche lang auf dem Alex. Tag und Nacht -  bis die Polizei das Protestcamp räumte. Warum das alles? Weil Acampada Berlin für das Recht auf politische und gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen steht. So steht es auf dem Flyer. Oder wie Ari es ausdrückt: „Weil wir nicht alle vier Jahre unser Kreuzchen machen wollen und dann war’s das!“

„Aber muss man dafür auf dem Alex zelten?“, fragt Jenny. Sie ist nicht überzeugt und zieht mit ihrem Vater von dannen. Ari versucht es weiter und spricht die Nächsten an. Gar nicht so einfach die Menschen für eine Demokratiebewegung zu begeistern, bei der man auf ein warmes Bett verzichten muss. „In der linken Szene ist die Akzeptanz für unsere Protestform größer. Aber wir möchten eben alle Menschen für unsere Camps begeistern.“, sagt Ari. Es gibt sicherlich Schöneres als mit der Isomatte auf kaltem Beton zu schlafen. Doch für Ari hat es sich jetzt schon gelohnt: „Ich habe hier viele Freunde gewonnen.“

“Auf dem Alex triffst du jeden”

Ari ist jetzt seit drei Wochen bei Acampada Berlin. Die anderen Demokratiebewegten traf sie das erste Mal auf dem Rückweg eines Vortrags der Umweltaktivistin Vandana Shiva. Ari radelte über den Alex, sah die Zelte und sprach mit den Empörten über die Themen, die sie bewegen: Wahrung der Menschenrechte, Globalisierungskritik, Antifaschismus. Ari zögerte nicht lange, fuhr nach Hause und holte ihren Schlafsack.

Zelten für eine andere Welt – Ari hat das in Spanien selbst beobachtet. Dort sah sie wie junge Spanier auf öffentlichen Plätzen Volksversammlungen durchführten – ganz ähnlich der ersten Besetzung des Tahir-Platzes in Kairo.  Nun also der Alex. Kein zufälliger Ort. Acampada Berlin wählte ihn wegen der Nähe zu großen Unternehmen und Geschäften und wegen der vielen Menschen. „Egal ob Geschäftsmann oder Harz-IV-Empfänger, auf dem Alex triffst Du jeden“, sagt Marc. Marc hat eine Tochter, die bald zur Schule geht. Wegen ihr ist er bei Acampada. „Meine Kleine soll nicht als Produkt in dieses gescheiterte System gepresst werden. Für sie will ich die Welt ein Stück weit besser machen!“

Voraussetzung dafür sei echte Demokratie. Für Marc heißt das: basisdemokratisch Lösungen erarbeiten. Genau wie es Acampada bei ihren „Asambleas“ auf dem Alexanderplatz praktiziert. Jede Woche treffen sich die Aktivisten zu diesen öffentlichen Versammlungen. Alle Themen sind denkbar. Sie diskutieren über neue Aktionsformen oder die Mietpreiserhöhungen in Berlin, aber auch große Themen werden besprochen: Wie realisieren wir einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel?

Die Antworten liegen nicht in irgendeiner Schublade, sie müssen gemeinsam entwickelt werden, sagt Marc. „Wir haben viele Ideen, bei manchen wissen wir aber noch nicht, wie man sie umsetzen kann.“ Acampada möchte die Menschen vernetzen und Begegnungen  ermöglichen. Eine Denkfabrik im öffentlichen Raum, wo sich die Leute auch berühren können. Bei Facebook auf „Gefällt mir“ zu drücken, reicht Acampada nicht.