15 Sep

Laut, bunt, undurchsichtig

 

Leuchttafeln, Schilder, Riesenposter – die Stadt um uns herum ist von Werbung geprägt. Wir können den überlebensgroßen Anzeigen und aufdringlichen Werbeslogans nicht entkommen. Werbung greift dabei nicht nur in unser Leben ein. Werbung verändert auch den öffentlichen Raum, weil sie vielen Flächen in der Stadt einen bestimmten Wert zuweist.

Von Anne Bohlmann und Mirjam Schmitt

 

Großformatige Werbung säumt die Berliner Straße "Unter den Linden" - Foto: Juliane Ziegler

Wie viel ist der öffentliche Raum wert? Das ist die Frage, die am Anfang unserer Recherche steht. Konkreter gefragt: Wie viel Geld verdienen Unternehmen damit, Flächen in der Stadt mit Werbung zuzupflastern? Überall in Berlin begegnen wir den Bildern der Werbeindustrie. Wie viel Werbung zum Beispiel am Berliner Hardenbergplatz hängt, haben wir hier markiert. Viele der Standorte für Werbeflächen sind in öffentlicher Hand. Wie viel bekommt die Stadt dafür? Oder anders gesagt: Wie viel nicht?

Wir konzentrieren uns auf Berlin. Unsere Recherche beginnt bei den Werbefirmen selbst. Einige Informationen finden wir im Internet. Manche Firmen stellen die Adressen ihrer Werbeträger und die zugehörigen Preislisten frei verfügbar ins Netz, zum Beispiel Ströer und Die Draußenwerber, eine Tochterfirma der Wall AG. Die Wall AG selbst, der größte Werbeanbieter in Berlin, ziert sich zunächst. Schließlich antwortet das Unternehmen doch – schriftlich – auf einige unserer Fragen. Wir erfahren: Wall hat mehr als 8000 Standorte in Berlin für Plakatwerbung. Eine Adressliste dieser Standorte bekommen wir jedoch nicht, anders als bei anderen Firmen.

Einer von 28.071 Werbeträgern in Berlin - Foto: bjoern (CC BY 2.0, http://bit.ly/mVcM4z)

Schwierig zu beantworten ist die Frage, wie viele Werbeträger es überhaupt in Berlin gibt. Die Zahlen direkt bei den größten Werbefirmen Berlins zu bekommen, erweist sich als unübersichtliche Puzzelei. Also fragen wir die Behörden, wir erfahren: Viele Werbeflächen müssen genehmigt werden; welche genau ist in Paragraph 62 der Berliner Bauordnung geregelt. Bestimmte Flächen sind allerdings von der Genehmigungspflicht ausgenommen: Unter anderem Eigenwerbung auf einer Fläche kleiner als zweieinhalb Quadratmeter und Fremdwerbung auf einer Fläche kleiner als ein Quadratmeter. Die Behörden erfassen also nicht jede Fläche, wir werden von der Stadt nur bestimmte Daten bekommen können.

Werbung ist Bezirkssache

Eine weitere Komplikation ist die Organisation der Zuständigkeiten: In Berlin sind für Außenwerbung – die Werbung im öffentlichen Raum – die Bezirke zuständig, eine zentrale Stelle beim Senat gibt es nicht. Die Auskunft bei den Bezirken: Die Daten seien in unterschiedlichen Listen erfasst, eine konkrete Zahl könnten sie uns nicht nennen.

Schließlich sind wir beim Fachverband Außenwerbung erfolgreich: 28.071 Werbeträger gibt es in Berlin (erfasst sind hier die Daten der Verbandsmitglieder, dazu zählt neben anderen die Wall AG). Eine nähere Aufschlüsselung, zum Beispiel nach Art der Medienträger, will der Verband uns nicht geben. Auf einen Quadratkilometer kommen in Berlin 31 Werbeträger. Dieser Wert bezieht sich auf die Gesamtfläche Berlins; eingeschlossen sind hier auch Gebäudeflächen. Sinnvoller wäre eine Berechnung auf Grundlage des öffentlichen Raums, aber dazu müssten wir wissen, welche Fläche der öffentliche Raum in Berlin einnimmt.

Nur bei dem Tempo nicht zu sehen: Werbung in der U-Bahn - Foto: teclasorg (CC BY 2.0, http://bit.ly/oO07E5)

Werbung befindet sich nicht nur an festen Standorten, sondern fährt auch durch die Stadt: Auf und in zahlreichen Bussen, Tram- und U-Bahnen der BVG prangt Werbung. Doch wie viel genau? Und was verdient die Stadt daran? Die BVG will uns darüber keine Auskunft geben. Die Werbeflächen seien von der BVG an die Wall AG „verkauft“ worden, seither würden die Werbeflächen von Wall beziehungsweise deren Tochterfirma Die Draußenwerber vermarktet, wie die BVG es in ihrer schriftlichen Mitteilung formuliert. Was dieses „verkauft“ genau bedeutet und wie viel Geld dabei im Spiel ist, will die BVG nicht erläutern – dabei ist die BVG in Besitz des Landes Berlin, höhere Einnahmen würden also den Steuerzahlern zugute kommen.

Aus diesem Grund planen wir eine Anfrage gemäß dem Berliner Informationsfreiheitsgesetz an den Senat zu stellen. Relevant ist die Frage insbesondere deshalb, weil hier eine Menge Geld im Spiel ist. In Berlin lag im Jahr 2010 der Bruttowerbedruck  für Plakatwerbung bei 176 Millionen Euro. Das heißt: Dieser Betrag wurde in Plakatwerbung investiert.

Die O2-Werbetafel im Hintergrund: Gegenstand eines Tauschgeschäfts - Foto: tadekk (CC BY 2.0, http://bit.ly/nFXtna)

Oft geht es nicht nur darum, welcher Betrag für Werbung bezahlt wird, sondern auch auf welche Weise: Dann nämlich, wenn an die Stelle von Geldbeträgen Tauschgeschäfte treten. Was eine Firma für die Werbung im öffentlichen Raum konkret bezahlt hat, ist in diesen Fällen kaum nachvollziehbar. Beispiel O2-World: O2 durfte in Berlin eine großformatige Werbetafel aufstellen. Gegenleistung: O2 tut etwas für die Allgemeinheit, wie die Stadt es blumig formuliert. Unklar bleibt, wie viel das das Unternehmen wirklich gekostet hat. Ähnliche Deals gibt es bei der Sanierung von Baudenkmälern. Unternehmen dürfen dort werben, wenn sie für die Sanierung spenden. Auch das Aufstellen von öffentlichen Toiletten in Berlin geht auf ein solches Tauschgeschäft zurück: Die Firma Wall hat mit der Stadt ausgehandelt, dass sie öffentliche Toiletten betreibt und dafür eine bestimmte Anzahl an Werbeflächen in der Stadt aufstellen darf.

Die Vergabe von Werbeaufträgen durch die öffentliche Hand zu kontrollieren, ist unter solchen Bedingungen kaum möglich. Bei der Vermarktung von Werbeflächen in Berlin ist Transparenz also Fehlanzeige.

13 Sep

Glücklich in der Passage

Bummeln, shoppen, quatschen: Das Gesundbrunnen-Center im Wedding ist ein beliebter Treffpunkt bei Jugendlichen. Die 15-Jährige Julide ist oft hier. Seit sie ein kleines Kind ist, kommt sie vorbei, früher noch mit den Eltern, heute mit Freunden.

Von Anne Bohlmann

 

Das "Center" gehört zu Julides Leben dazu. - Foto: Anne Bohlmann

Jeden Samstag fährt die Schülerin Julide ins Gesundbrunnen-Center und verbringt mehrere Stunden beim Bummeln. An diesem Samstag ist sie mit ihrem besten Freund und ihrer türkischen Austauschschülerin hier. Die will zusammen mit Gastschwester Julide ein letztes Mal in Berlin einkaufen, denn morgen fährt sie zurück nach Hause.

Die drei sitzen auf einer kleinen Holzbank ohne Lehne, direkt neben den Rolltreppen. Unbequem sieht das aus. An ihnen vorbei laufen Frauen mit Kopftuch und Kinderwagen, Mädchen mit tief ausgeschnittenen Tops, Jungs in weiten Hosen. Viele von ihnen kennt Julide, manche sogar richtig gut, wie ihren Cousin, der gerade vorbeischlendert. Julide springt auf und läuft zu ihm hin. Nach ein paar Minuten verabschieden sie sich wieder voneinander. Weiter gehts, jetzt noch zu H&M und McDonald’s – das gehört für Julide zu jedem Besuch im “Center”.

Zum Hören

Warum Julide gerne hierher kommt und wofür sie jede Woche 15 Euro ausgibt: