15 Sep

Pling, pling, Schrammel, Schrammel, Bäng!

Du läufst durch die Stadt und die Stadt läuft an dir vorbei. Völlig in Gedanken werden Häuser und Fassaden zum Filmset deines Kopfkinos. Doch langsam holt dich ein rhythmisches Klicken ins Jetzt. Bäng – du hast den passenden Soundtrack gefunden. Vier Straßenmusiker  in Berlin: Angucken, rausgehen, finden und dann Geld in den Hut!

Von Nadia Pantel und Wolf-Hendrik Müllenberg

Die Straßenmusiker Los Lopez

Los Lopez auf der Warschauer Brücke - Bild: Los Manfrottos

„Die Beatles“ , seufzt Junichi, „die gehen immer.“ Nur leider hat er oft zu schlechte Laune um so launiges Zeug zu spielen. Leise Balladen mit depressiven Texten – da wird es schwer die Miete zu bezahlen. In Berlin allerdings immerhin noch machbarer als in New York und so hat der gebürtige Japaner vor ein paar Wochen mal wieder seine Koffer gepackt und ist von den USA nach Europa gezogen. „Es hilft, dass die Leute hier auf der Straße noch Bier trinken dürfen“, sagt er, „da bleiben sie dann auch mal länger stehen“. Heute vorm Fernsehturm steht Junichi jedoch recht alleine. „Das Setting hier ist wunderschön, aber es ist viel zu laut.“ – im Wettstreit mit Verkehrslärm und Brunnenplätschern kommt er langsam an die Grenzen seiner Stimme. Man muss schon nah ran gehen um Junichi gut zu hören. Doch dann spiegelt sich die Sonne im Bauch des Fernsehturms und sogar Junichi bekommt Lust auf Lennon: „Limitless undying love…” Huch, meint der mich? Naja, wahrscheinlich wieder nur Berlin. Schön ist es trotzdem.

 

Vladimir und Vladimir in der Burgstrasse

Vladimir und Vladimir geben sich bescheiden, „Uns reicht ein Name für zwei“. Seit zwei Monaten wohnen die beiden Russen in Berlin und verdienen ihr Geld mit Straßenmusik. Kennengelernt haben sie sich vor 18 Jahren an der Musikhochschule in Moskau. Und so klingen die zwei auch eher wie eine gediegene Dinnerband auf dem Kreuzfahrtdampfer und nicht wie vagabundierende Hippies mit Klampfe und Schellenkranz. Nach vier Songs packen die beiden ihr Zeug zusammen. Wo es als nächstes hingeht? Vladimir lächelt. „Nobody knows“. Sein Namensvetter zuckt mit den Schultern: „Der beste Ort ist immer da, wo wir nicht sind.“

 

Olli auf dem Kurfürstendamm

Olli hat sich an der Gedächtniskirche gut eingerichtet. Seit sechs Jahren macht er fast jeden Tag am Ku’damm Musik. Die Polizisten grüßen mittlerweile freundlich, der Crepesstand macht ihm ‚ ’nen Sonderpreis und so etwas wie eine Fanbase hat er auch. Jedenfalls sind es immer die gleichen Leute, die ihre Mittagspause damit verbringen ihm zuzuhören. Doch wichtiger als die vertraute Umgebung sind die Touristen, die in bunten Regenjacken über Berlins ehemaligen Prachtboulevard schlendern.

 

Los Lopez auf der Warschauer Brücke

Ivo, Mirko und Lopez nehmen die Sache mit der Straßenmusik ernst. Wo und wann genau die drei Mailänder als nächstes auftreten – das kann man auf Twitter mitverfolgen und auf Facebook werden ihre Gigs dokumentiert. „Morgen“, verkündet Ivo, „werden wir reich.“ Die drei werden ab sieben Uhr morgens beim S-Bahnhof Rathaus Steglitz Schlange stehen und sich eine der begehrten BVG-Lizenzen sichern. Dann dürfen sie ihren Verstärker im Bahnhof sogar ein bisschen aufdrehen – ohne mit der Polizei rechnen zu müssen. Als sie in der Samstagnacht auf der Oberbaumbrücke eine begeisterte Menschenmenge zum Tanzen brachten, dauerte es nicht lange bis der erste Streifenwagen anrückte.

„Wir sind halt auch laut“, sagt Lopez grinsend – und verteilt „Los Lopez“ Fan-Buttons an Passanten. Nur noch zwei Lieder, dann geht hinter der o2-Arena die Sonne unter und die Finger werden langsam zu kalt zum spielen. Doch bis es so weit ist gibt es noch soliden Funk und echte Hippie Texte: „Thanks to Ayawaska“. Eine Ode an die Lieblingsdroge jedes Backpackers auf Lateinamerika-Reise.

 

 

 

 

 

15 Sep

Sitzenbleiben

Nichts gegen eine geregelte Vorstadtkindheit. Aber wo kann man hin, wenn das Kinderzimmer zu klein wird und vor lauter Vorgärten, Alleen und freundlichen Nachbarn kein Raum zum Atmen bleibt? In Eichwalde bietet der Bahnhof Asyl. Die Eichwalder S-Bahn-Bank: Anlaufstelle für Jugendliche von Zeuthen bis Königs Wusterhausen.

Von Nadia Pantel und Claudia Maier

 

Marc-Gordon, Maximilian, Louisa und Tony (v.l.n.r.) auf dem S-Bahnhof Eichwalde - Foto: Claudia Maier

Im beschaulichen Eichwalde kurz vor Königs Wusterhausen hält alle 20 Minuten die S 46.  Raus aus dem Vorgarten, rein in die Stadt. Oder die Bahn vorbeifahren lassen und einfach in Eichwalde bleiben. Am S-Bahnhof steht eine Bank, wie gemacht zum ewig jung sein: egal wie groß man ist, mit den Füßen kommt man nicht auf den Boden. Wie ein großer Gruppenbarhocker. Maximilian, Marc-Gordon, Louisa und Tony kommen hier jeden Nachmittag nach der Schule her. Während sie dort sitzen, sich unterhalten und Witze reißen, kommen immer wieder neue Bekannte vorbei. Küsschen links, Küsschen rechts – „wir sind ein großer Freundeskreis“ sagt Louisa. Aber eigentlich, korrigiert Tony, gibt’s hier „nur Rentner“.

 

Maximilian und Marc-Gordon - Foto: Claudia Maier

Cool abhängen am Bahnhof als Lebensinhalt? Nein. Eher gucken, was die anderen so machen. So richtig im real life. Und dann an andere Orte gehen. Und am Wochenende? Klar, sagt Maximilian, da fahren wir nach Berlin. Blöd nur, dass Louisa zugehört hat: „Hä? Was erzählst du denn? Wir sind doch immer hier.“

 

 

 

 Zum Hören

 

 

13 Sep

Zelten für mehr Demokratie

Sie sind empört. Deswegen kampieren sie auf öffentlichen Plätzen. Alle sollen von ihrer Empörung erfahren und sich ihnen anschließen. Sie betrachten das Gesellschaftssystem als gescheitert und  fordern mehr politische Teilhabe. Sie rufen “Echte Demokratie jetzt!“ und „Es lebe die Revolution!“ Die Bewegung “Acampada Berlin” im Portrait.

Von Wolf-Hendrik Müllenberg

 

Acampada Berlin vor dem Brandenbuger Tor

Acampada Berlin vor dem Brandenburger Tor - Foto: Sebastian Dörfler

Jenny war mit Papi auf Shopping-Tour bevor sie versehentlich auf dieser Kundgebung landete. Die 19-Jährige steht im schwarzen Mini-Rock auf dem Alexanderplatz. Hier wird gerade gegen den Überwachungswahn in Deutschland protestiert. 5.000 Leute machen mit. Motto: „Freiheit statt Angst“. Jenny trägt eine prall gefüllte Einkaufstüte von Gina Tricot. Neben ihr steht ihr Vater, in jeder Hand hat er zwei weitere Tüten. Sie lauschen dem Beitrag einer Rednerin, die als „Willi Watte“ in Wattestäbchen-Kostüm auf der Bühne steht und die Polizei auffordert „ab sofort keine DNA-Proben von den Leuten zu nehmen“. Jenny möchte jetzt lieber nach Hause fahren – bis Ari sie aufhält.

Die 24-Jährige Ari hat Großes vor. Sie will Jenny von einer Idee überzeugen. Diese Idee geht so: Menschen besetzen den öffentlichen Raum und machen ihn zum Ort der Debatte.. Sie fordern: „Echte Demokratie Jetzt!“. Ari erzählt Jenny von Spanien, wo im Mai über 100.000 Menschen im ganzen Land vier Wochen gegen die wirtschaftliche und politische Krise auf die Straße gingen. Die spanische Jugend baute auf öffentlichen Plätzen Zeltlager und sang „Democracia real Ya“ Auch  in Berlin wurde inzwischen für echte Demokratie gezeltet. Und zwar auf dem Alexanderplatz, wo jeder den Protest sehen und hören kann.

Die Empörten

Es ist die Bewegung der „Empörten“, erfährt Jenny von Ari. Sie folgen der Protestschrift von Stéphane Hessel. Der 94-Jährige war aktives Mitglied der französischen Résistance. Sein Buch “Indignez-vous!” verkaufte sich in Frankreich fast zwei Millionen Mal. Darin wettert er gegen Ungleichheit, Finanzkapital und Fremdenhass. Er fordert die Jugend auf: Empört Euch!

Ari drückt Jenny einen Flyer in die Hand und zeigt auf die Muschelzelte neben ihr. Mit diesen Zelten kampierte sie mit den anderen Aktivisten von „Acampada Berlin“ eine Woche lang auf dem Alex. Tag und Nacht -  bis die Polizei das Protestcamp räumte. Warum das alles? Weil Acampada Berlin für das Recht auf politische und gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen steht. So steht es auf dem Flyer. Oder wie Ari es ausdrückt: „Weil wir nicht alle vier Jahre unser Kreuzchen machen wollen und dann war’s das!“

„Aber muss man dafür auf dem Alex zelten?“, fragt Jenny. Sie ist nicht überzeugt und zieht mit ihrem Vater von dannen. Ari versucht es weiter und spricht die Nächsten an. Gar nicht so einfach die Menschen für eine Demokratiebewegung zu begeistern, bei der man auf ein warmes Bett verzichten muss. „In der linken Szene ist die Akzeptanz für unsere Protestform größer. Aber wir möchten eben alle Menschen für unsere Camps begeistern.“, sagt Ari. Es gibt sicherlich Schöneres als mit der Isomatte auf kaltem Beton zu schlafen. Doch für Ari hat es sich jetzt schon gelohnt: „Ich habe hier viele Freunde gewonnen.“

“Auf dem Alex triffst du jeden”

Ari ist jetzt seit drei Wochen bei Acampada Berlin. Die anderen Demokratiebewegten traf sie das erste Mal auf dem Rückweg eines Vortrags der Umweltaktivistin Vandana Shiva. Ari radelte über den Alex, sah die Zelte und sprach mit den Empörten über die Themen, die sie bewegen: Wahrung der Menschenrechte, Globalisierungskritik, Antifaschismus. Ari zögerte nicht lange, fuhr nach Hause und holte ihren Schlafsack.

Zelten für eine andere Welt – Ari hat das in Spanien selbst beobachtet. Dort sah sie wie junge Spanier auf öffentlichen Plätzen Volksversammlungen durchführten – ganz ähnlich der ersten Besetzung des Tahir-Platzes in Kairo.  Nun also der Alex. Kein zufälliger Ort. Acampada Berlin wählte ihn wegen der Nähe zu großen Unternehmen und Geschäften und wegen der vielen Menschen. „Egal ob Geschäftsmann oder Harz-IV-Empfänger, auf dem Alex triffst Du jeden“, sagt Marc. Marc hat eine Tochter, die bald zur Schule geht. Wegen ihr ist er bei Acampada. „Meine Kleine soll nicht als Produkt in dieses gescheiterte System gepresst werden. Für sie will ich die Welt ein Stück weit besser machen!“

Voraussetzung dafür sei echte Demokratie. Für Marc heißt das: basisdemokratisch Lösungen erarbeiten. Genau wie es Acampada bei ihren „Asambleas“ auf dem Alexanderplatz praktiziert. Jede Woche treffen sich die Aktivisten zu diesen öffentlichen Versammlungen. Alle Themen sind denkbar. Sie diskutieren über neue Aktionsformen oder die Mietpreiserhöhungen in Berlin, aber auch große Themen werden besprochen: Wie realisieren wir einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel?

Die Antworten liegen nicht in irgendeiner Schublade, sie müssen gemeinsam entwickelt werden, sagt Marc. „Wir haben viele Ideen, bei manchen wissen wir aber noch nicht, wie man sie umsetzen kann.“ Acampada möchte die Menschen vernetzen und Begegnungen  ermöglichen. Eine Denkfabrik im öffentlichen Raum, wo sich die Leute auch berühren können. Bei Facebook auf „Gefällt mir“ zu drücken, reicht Acampada nicht.