15 Sep

A bis Z des Öffentlichen Raumes

Anonymität: Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet „namenlos“. Eine Person ist anonym, wenn sie nicht identifiziert werden kann, wenn sie unerkannt bleibt. Anonym bleiben zu können, ist eine der beiden Bedingungen, die den öffentlichen Raum charakterisieren. Die andere Bedingung ist, dass er für jeden zugänglich ist.

Bahnhof: Ausgangspunkt für Reisen auf dem Schienenweg und halböffentlicher Raum. Zuständigkeiten im Gebäude sind unter den Tochterunternehmen der Deutschen Bahn AG verteilt. Sicherheit ist Sache der Bundespolizei. Differenzierte Bezeichnung richtet sich oft nach der Bauform (Kopfbahnhof,
Kreuzungsbahnhof). In den modernen Varianten häufig mit Zusatzfunktion: Einkaufsbahnhof, Erlebnisbahnhof.

Bannmeile: Bezirk um den Bundestag. Vor allem an Sitzungstagen sind hier Demonstrationen untersagt. Das Verbot geht zurück auf das sogenannte Blutbad vor dem Reichstag am 13. Januar 1920. Bei dem Versuch, den Reichstag zu stürmen, starben 42 Menschen.

Campen: Nein, mit Tourismus hat das nichts zu tun. Es geht um eine Protestform, die das erste Mal in Spanien auftrat. Dort kampierten junge Menschen im ganzen Land auf öffentlichen Plätzen. Sie demonstrieren für eine gerechtere Gesellschaft und mehr politische Teilhabe. Ihre Forderung: Democracia real ya! Echte Demokratie jetzt!

Carottmob: „Wir halten der Wirtschaft die Karotte hin“, wird Brad Burton, einer der Aktivisten der US-Bewegung, zitiert. Bei dieser Sonderform des Flashmob rufen die Initiatoren Unterstützer auf, über einen bestimmten Zeitraum in einem Geschäft einzukaufen. Mit dessen Besitzer hatten die Initiatoren zuvor eine Vereinbarung getroffen: Mit einem festgelegten Teil des Mehr-Gewinns muss er seinen Laden klimafreundlich sanieren.

Eventisierung: Meint das ständig steigende Bedürfnis der Menschen nach Großereignissen jeder Art. Der Sommer steht in vielen Städten mittlerweile im Zeichen des Spektakels. Eine Veranstaltung jagt die nächste. In der Soziologie erklärt man sich das Phänomen mit dem Zauberwort der „Individualisierung“: Klassische verbindliche Strukturen, wie Vereine oder Parteien, verlieren an Bedeutung. An ihre Stelle treten kurze unverbindliche Formen der Vergemeinschaftung: Vom Public-Viewing bis zum Open-Air-Rave und zur Facebook-Party, die eine zunehmend heterogene Bevölkerung zumindest kurzfristig zum Teil einer Gemeinschaft werden lässt.

Gentrifizierung: Bezeichnet eine Form der Veränderung von meist innerstädtischen Vierteln. Dabei ziehen zunächst sogenannte Pioniere, wie Künstler und Studenten, in preisgünstige Viertel und eröffnen Galerien und Kneipen. Hat das Viertel einen Szenecharakter entwickelt, folgen wohlhabende Mieter und Eigentümer nach und sanieren die dortigen Wohnungen. Durch diese Aufwertung steigen die Mieten, ärmere Bürger werden verdrängt.

Guerilla Gardening: Ursprünglich das heimliche Aussähen von Pflanzen auf öffentlichen Plätzen. Erste Formen des wilden Gärtnerns entwickelten sich 1970 in New York. Gestartet ist die Bewegung als Form des Protests. Hierfür wurden kleine Samenbomben angefertigt, die man an geeigneten Flächen unauffällig fallen lassen konnte.

Netz: Vor einigen Jahren tummelten sich im Internet noch jede Menge seltsame Gestalten mit komischen Namen in allen möglichen Netzwerken. Man redete von „Cyberspace“ und „virtuellen Realitäten.“ Heute redet man über Google, Facebook und ein paar andere, in deren Suchen und Netzwerken wir uns bewegen. Für die einen ist das eine neue weltweit vernetzte Öffentlichkeit. Für die anderen werden wir uns durch die Nutzung ihrer Dienste einfach zu Produkten. Denn der Verkauf unserer Daten an Werbekunden ist ihnen im Zweifel mehr wert, als einen neuen öffentlichen Raum zu schaffen.

Obdachlose: Bezeichnet Menschen ohne festen Wohnsitz, die – wenn sie nicht in Notunterkünften unterkommen können – im öffentlichen Raum leben. Das Forschungsprojekt „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ an der Universität Bielefeld hat eine zunehmende Diskriminierung von Obdachlosen in Deutschland festgestellt. Die Forscher vermuten, dass durch die Ökonomisierung der Gesellschaft Obdachlose zunehmend als „nutzlos“ empfunden werden. In halb-öffentlichen Räumen wie Einkaufszentren verbietet meist die Hausordnung das „Herumlungern und Betteln“.

Öffentlicher Raum: Bezeichnet all die Lebensräume, die sich nicht im Privatbesitz befinden. Er ist frei zugänglich und wird von der Gemeinde bewirtschaftet. Hierzu zählen Straßen, Wege, Plätze und Parks. Einkaufszentren sind nur scheinbar öffentliche Räume: Besucher müssen sich nach einer Hausordnung richten, die der Besitzer festlegt. Auch in Zoos, Schwimmbädern, Parks und Gärten gelten Vorschriften.

Öffi: Das Maskottchen des „Neunten Raumes“ und sein Social-Media-Beauftragter. Haarig, einäugig, großes Maul, mit wechselnden T-Shirts. War schon immer im öffentlichen Raum. Ärgster Feind: das Privatier.

Privatisierung: Leitet sich ab vom lateinischen Verb „privare“, was „abgesondert, beraubt, getrennt“ bedeutet. Bezeichnet die Überführung von öffentlichem Vermögen in Privateigentum. Umstritten ist vor allem die Privatisierung von Kommunalbetrieben, wie die Teilprivatisierung der Berliner Wasserbetriebe in den Neunziger Jahren. Die gegenläufige Bewegung zur Privatisierung ist die Kommunalisierung.

Schmidt, Eric: Ehemaliger Google-Chef, inzwischen im Verwaltungsrat. In Googles neuem Netzwerk Google+ müssen sich Nutzer mit ihrem Klarnamen anmelden. Auf einer Konferenz in Edinburgh sagte Schmidt, der Konzern habe das Netzwerk als „Identitätsdienst“ konzipiert. Oppositionelle oder Mitglieder von Minderheiten könnten das Netzwerk dann nicht im Schutz der Anonymität nutzen. Schmidt sagte
darauf, niemand sei dazu gezwungen, Google+ zu nutzen.

Urban Knitting: Form der Straßenkunst. Dabei umstricken Aktivisten und Aktivistinnen Laternenpfähle, Schilder und sonstige Gegenstände im öffentlichen Raum. Erfunden wurde diese Art der Strickerei 2005 in den USA.  Im August umstrickte eine Guerilla in Frankfurt am Main die beiden Symbole der Börse, den Bullen und den Bären.

15 Sep

Dichter dran

Ob Weblogs, Facebook oder Twitter: Im Internet teilen viele Menschen private Erlebnisse. Für die einen ist es ein Ort des ungebremsten Exhibitionismus, für die anderen ist es ein Ort für Reflexion, Austausch und Nähe. “Alles, was ich bislang gegeben habe, habe ich auch zurückbekommen”, sagt Anke Gröner, eine der bekanntesten Bloggerinnen Deutschlands.

Von Kathrin Klette

 

Anke Gröner

"Anderen beim Leben zugucken": Für die Bloggerin Anke Gröner birgt das Internet viel Potenzial - Foto: Frîa Hagen

Es war kein guter Tag, als Anke Gröner ihren ersten persönlichen Blogeintrag schrieb. „Ich kann einfach nicht schnell genug vor mir wegrennen. Ich hole mich immer wieder ein“, schrieb sie am 11. November 2002. Der Text handelte von Einsamkeit, Verzweiflung und dem Gefühl, das Leben nicht auf die Reihe zu kriegen.

Anke Gröner ist 42 Jahre alt, wohnt in Hamburg und arbeitet als Werbetexterin. Schon seit langem ist sie eine der bekanntesten Bloggerinnen Deutschlands; etwa 1500 Leute lesen bei ihr täglich mit. Dieser Tage erscheint ihr erstes Buch. In ihrem Weblog “ankegroener.de” steht ihre Adresse, auf ihrem Twitter-Account ist ein kleines Foto von ihr zu sehen. Es zeigt eine lachende Frau mit Hornbrille und Basecap, die die rechte Hand in Richtung der Kamera hält. Sie ist erkennbar, sie macht sich angreifbar. „Ich glaube erst mal an das Gute im Menschen“, sagt Gröner, „und alles, was ich bislang gegeben habe, habe ich auch zurückbekommen.“

Anderen beim Leben zugucken

2001 begann sie, US-amerikanische Blogs zu lesen. Sie war begeistert von der Fülle an Geschichten, die sie entdeckte. Sie las Texte über Menschen, die sie nicht kannte und die ein Leben führten, das nichts mit ihrem eigenen zu tun hatte. Texte alleinerziehender Mütter, Tagebücher von Amerikanerinnen, literarische Blogs. “Ich gucke einfach anderen gerne beim Leben zu”, sagt Gröner.

Im Januar 2002 eröffnete sie dann ihr eigenes Blog. Zuerst schrieb sie Filmkritiken, bald folgten Texte über Privates, das Essen, Golfspielen und darüber, was es für sie bedeutet, dick zu sein. „Blog like nobody’s watching“, heißt der Untertitel ihres Blogs – blogge, als ob dir niemand zuschaut. „Irgendwann habe ich nicht mehr darüber nachgedacht“, sagt sie.

Was ist eigentlich privat? Knutsch-Fotos, Urlaubserlebnisse oder das Geständnis eines Burn-Outs? Durch Weblogs und Social-Media-Dienste wie Facebook und Twitter scheinen sich die Einstellungen der Gesellschaft über das, was man mit anderen Menschen teilen kann und will, zu verändern. „Ihre Privatsphäre verschwindet, finden Sie sich damit ab“, sagte Leonard Kleinrock, der 1969 die erste Internetverbindung legte, der „Süddeutschen Zeitung“. Besorgte Eltern raten ihrem pubertierenden Nachwuchs, nicht allzu leichtfertig Partyfotos ins Internet zu stellen.

Nackt in der Sauna

Der US-Professor und Internet-Pionier Jeff Jarvis ist einer der Verfechter von mehr Öffentlichkeit in der Gesellschaft. 2009 schrieb er in seinem Blog „Buzzmachine“, dass er an Prostatakrebs erkrankt sei. „Wenn ich irgendwelche Zweifel an radikaler Transparenz gehabt hätte, wären sie in Sekunden zerstreut worden. Hunderte Tweets und Kommentare trudelten […] ein und wünschten mir Glück, gaben mir Ratschläge und machten Witze“, schrieb er im „Guardian“.

Ein Leser habe Jarvis gesagt, dass er durch seinen Post zur Vorsorgeuntersuchung gegangen sei. Wenn diese neue Öffentlichkeit im Netz dazu dienen kann, näher zusammenzurücken und sich zu helfen – hier ist es gelungen. Auf der Netzkultur-Konferenz „Republica“ in Berlin sagte Jarvis 2010, er finde es viel merkwürdiger, dass die Deutschen keine Scham hätten, mit fremden Menschen nackt in eine Sauna zu gehen.

Beleidigende Kommentare und Mails

Sicher, das Internet hat auch seine dunklen Bereiche. Es gibt die Nörgler, die Querulanten, die Hetzer. „Das Netz hat die Fähigkeit, sowohl das Gute als auch das Schlechte des Menschen zu potenzieren“, sagt Gröner. Sie selbst hat das in den Jahren ihres Bloggens erlebt, sie bekam beleidigende Kommentare und Mails. „Du blöde Feministinnen-Kuh“ schrieb ihr jemand, als sie sich in einem Artikel über einen Postboten geärgert hatte. Als sie über einen Tag schrieb, an dem alles schief gelaufen war, hieß es, das seien doch Luxusprobleme; in Afrika sei das Leben viel schlimmer. Manche Kritik hat sie selbstbewusster gemacht, sagt sie heute.

Inzwischen hat Gröner die Kommentarfunktion in ihrem Blog geschlossen; wer ihr etwas mitteilen will, muss ihr eine Mail schreiben. Diese Grenze zu ziehen, zwischen sich und den Lesern, ist ihr wichtig. „Ich habe keine Lust, jede meiner Regungen mit den Lesern durchzukauen.“ Für Texte, die ihr wichtig sind, nimmt sie sich zwei bis drei Tage Zeit. Unüberlegt veröffentlicht sie nichts. Über Politik, Religion und Sexualität schreibt sie nicht. Dies wäre ihr zu privat. Auch über ihren Job wird man bei ihr nichts lesen.

Digitales Leben wird real

Die Verzahnung von digitalem und realem Leben – bei manchen Bloggern hat sie längst stattgefunden. Wenn die 42-Jährige im realen Leben jemanden trifft, dessen Blogposts oder Tweets sie schon lange liest, gibt es selten Überraschungen. „Ich weiß, wer vor mir steht“, sagt sie. Von ihren Freunden hat sie inzwischen mehr im digitalen Leben kennengelernt als auf Partys, wo man nur zufällig auf Leute trifft, von denen man noch gar nichts weiß.

Über das eigene Leben zu schreiben und anderen beim Leben zuzugucken – hört man Anke Gröner zu, glaubt man, dass das Internet die Menschen wirklich einander näher bringen kann. „Es kann nie schlecht sein, etwas über andere zu erfahren“, sagt sie. Man lernt sich kennen und verstehen und kann Rückhalt und Verständnis erfahren. Plötzlich ist man dichter dran – an den Menschen und ihrem Leben.