15 Sep

Der Flaneur ist tot, es lebe der Flaneur

Für die einen ist der Flaneur eine ausgestorbene Spezies, die schon lange aus dem Stadtbild verschwunden ist. Niemand streift mehr umher, weil jeder weiß, wo er hin will. Für die anderen ist er nie wirklich weg gewesen. Der Flaneur hat sich nur verändert und ist vielfältiger als je zuvor. Ein Nachruf und eine Wiederentdeckung.

Die Stadt ist weit, die Stadt grau. In ihr flaniert keine Sau - Foto: Friederike Lübke

Von Friederike Lübke

Der Stadtbewohner hat das Flanieren verlernt. Die Bürgersteige sind voller Menschen, nur der Flaneur hat seinen Hut genommen und ist heimlich verschwunden.

Heute braucht keiner mehr die Stadt als Quelle der Erkenntnis. Wer sich sucht, bucht Selbstfindung. Wer unruhig ist, macht Yoga. Wer etwas wissen will, googelt. Der Flaneur war ein Stadtpilger, ein Wanderer zwischen den Häuserwelten. Er besah die Stadt und in ihr erkannte er sich selbst. Er schweifte durch die Straßen, den Spazierstock in der Hand. Er schritt nicht weit aus, denn er hatte keine Eile.

Das iPhone als Flaneur-Mörder

Heute ist die Stadt ein Parcours, den es zu überwinden gilt. Jeder weiß, wohin er will und was er will, will er schnell. Der Weg ist ihm lästig. „Ich verirre mich nie, ich habe ein iPhone“, sagt ein Mann in der U-Bahn. Der Unglückliche. Er wird dort ankommen, wohin er wollte. Sein Weg ist gerade. Der Flaneur hatte kein Ziel und vor allem hatte er kein Smartphone. Er ließ sich leiten vom Verlauf der Straßen. Jeder Weg war eine Möglichkeit. Der Flaneur entdeckte, was er nicht gesucht hatte.

Wer heute geht, hat ein Ziel, und wer keines hat, der hat zumindest eine Absicht. Shopping, sightseeing, walking. Niemand wagt sich in die Öffentlichkeit ohne eine gute Begründung. Was sollen sonst die Bekannten denken, die den Weg kreuzen. Hat er keine Eile, keine Termine, keine Freunde? Dann ist er überflüssig im geordneten Betrieb der Stadt. Streuner sind nur noch die Hunde.

Wenn das Leben eine Baustelle sein soll, dann ist der Flaneur die Bauaufsicht - Foto: Friederike Lübke

Von Jan Mohnhaupt

Es gibt ihn noch: den Flaneur. Er ist zum Beispiel der siebzigjährige Rentner, der mit auf dem Rücken verschränkten Händen herumspaziert, dann an einer Baugrube stehen bleibt und hineinstarrt. Er ist der Tourist, der sich ohne Reiseführer in eine fremde Stadt wagt und sie kennen lernt, indem er sich verläuft. Er ist der Journalist, der durch die Straßen zieht, um Geschichten zu finden oder die Gedanken zu ordnen.

Vor 150 Jahren, so beschreibt es Walter Benjamin, zog der Flaneur noch gerne mit seiner Schildkröte an der Leine durch den Park, als Zeichen des Müßiggangs – sie gab das Tempo vor.

Der Weg ist das Ziel

Wie die dandyhafte, literarische Figur von damals sehen die heutigen Flaneure zwar nicht mehr aus. Doch ihr Ziel ist nach wie vor gleich: der Weg. Das hat mein Vater früher schon bei Familienspaziergängen zu mir gesagt, wenn ich ihn gefragt habe, wann wir endlich da sind.

Auch ich musste erst die Vorzüge kennen lernen, die das Umherstreifen mit sich bringt. Mein Ziel war damals klar: Pommes und Fanta statt Kilometer. Das hat ihn nicht beirrt. Später habe ich es mit Kafka versucht: „Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.“ Mein Vater ist trotzdem weiter gegangen.

Heute gebe ich ihm recht. Ob mit Schildkröte unterwegs, am Bauzaun vorbei oder durch die unbekannte Stadt – immer geht es um den Weg. Und Luxus. Den Luxus, sich zu verlaufen. Man streift umher, die Gedanken schweifen ab, verirren sich wie die Füße und kommen so an Orte, an die sie nie gelangt wären, hätte es ein klares Ziel gegeben. Und wenn es nur eine Baustelle ist.